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Sonntag, Juli 21, 2024
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    Sollen Obdachlose aus der Hamburger Innenstadt vertrieben werden?

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    Am Hamburger Hauptbahnhof soll es Initiativen und Vereinen, die sich um das Wohl obdachloser Menschen kümmern, künftig verboten sein, Hilfsgüter und Lebensmittel zu verteilen. Ein Versuch, die Obdachlosen aus der Innenstadt zu vertreiben? – Ein Kommentar von Alex Lehmann

    Hamburg hat seit Jahren ein sehr widersprüchliches Image. Auf der einen Seite die Elbchaussee und die rund 42.000 Millionär:innen der Stadt. Auf der anderen die Reeperbahn, das Rotlichtviertel, die Hafenstraße und die berüchtigte „Rote Flora“. Zwischen diesen beiden Polen leben 32.000 Obdachlose in der Hafenstadt. Besonders der Hauptbahnhof ist ein Sammelpunkt für die Bedürftigen.

    Nirgends in der Bundesrepublik ist Zahl der Obdachlosen in Relation zur Bevölkerung so hoch wie in Hamburg. In den meisten Städten gibt es auch kein so ein breites Netz an Hilfsorganisationen wie in Hamburg. Christliche Angebote wie die Bahnhofsmission und die Diakonie, staatliche Stellen und zahlreiche gemeinnützige Vereine bieten Unterstützungsangebote an.

    Bezirksamt will Hilfe einschränken

    Um den Wohnungslosen, die sich rund um den Hauptbahnhof sammeln, eine einigermaßen erträgliche Nacht ohne Hunger und Frieren zu ermöglichen, verteilen verschiedene Gruppen regelmäßig Hilfsgüter. Schlafsäcke, Isomatten, Getränke und warme Mahlzeiten werden ausgegeben. Genau das will das Bezirksamt Hamburg jetzt unterbinden.

    Weil „kein Bedarf“ bestehe und die Obdachlosen ihre Schlafsäcke und Isomatten einfach liegen lassen würden, hat der SPD-Bezirksamtsleiter Ralf Neubauer die Verteil-Aktionen am Hauptbahnhof jetzt verbieten lassen. Sie sollen woanders oder am besten gar nicht stattfinden. Die betroffenen Vereine und Initiativen reagieren bestürzt.

    Dass bei etwa 32.000 Obdachlosen kein Bedarf an warmem Essen und Kälte abhaltenden Schlafsäcken bestehen soll, ist kaum zu glauben. Die Begründung ist offensichtlich vorgeschoben. Welchen Nutzen zieht Ralf Neubauer daraus, die Verteilung von Hilfsgütern am Hauptbahnhof zu unterbinden?

    Stadt der Reichen

    Hamburg ist die Stadt der Vermögenden: Neben den 42.000 Menschen mit einem Besitz von über einer Million Euro wohnen in der Hansestadt auch 18 Milliardär:innen. Die Elbchaussee im Westen der Stadt steht mit ihren zahlreichen Villen und Herrenhäusern exemplarisch für den Reichtum der Superreichen.

    In Hamburg haben auch viele der Banken, die in den Cum-Ex-Skandal verwickelt waren, ihren Sitz, etwa die Berenberg-Bank, die Warburg-Bank oder die HSH-Nordbank. Über die sogenannten Cum-Ex-Geschäfte lief ein historischer Steuerraub im hohen siebenstelligen Bereich. Erst in dieser Woche begann der Prozess gegen einen der mutmaßlichen Hauptverantwortlichen, den Ex-Chef der Warburg-Bank Christian Olearius.

    Cum-Ex-Steuerraub: Prozess gegen Bankier Olearius beginnt

    Dazu kommen unzählige Luxushotels, Yachtclubs und Firmensitze. Für Obdachlose ist dazwischen augenscheinlich kein Platz. Sie beschmuddeln für Ralf Neubauer das Bild der modernen, feinen und reichen Stadt Hamburg. Wenn sie sich dann auch rund um den Hauptbahnhof aufhalten, an dem ja schließlich die meisten Tourist:innen und Geschäftsleute ankommen, müssen sie verschwinden. Denn Menschenleben sind im Kapitalismus weitaus weniger wert als Profite.

    Ganz normaler Kapitalismus

    Dabei müsste es das Problem der Obdachlosigkeit in Hamburg gar nicht geben. Von den rund 950.000 Wohnungen in der Stadt wurden 2020 nur 893.000 bewohnt. Nach einer schnellen Rechnung ergibt sich: Für die 32.000 Obdachlosen gäbe es mehr als genug Wohnraum. Dazu kommen die zahlreichen Villen, Hotelzimmer und Bürogebäude, die entweder leer stehen oder effektiver genutzt werden könnten.

    Hamburg: Polizei setzt auf KI-Überwachungskameras

    Also, warum holt man die Menschen nicht einfach von der Straße? Weil sie keinen Profit bringen! Wohnraum ist im Kapitalismus eine Ware, die verkauft, gekauft und verliehen wird. Nur wer auch bezahlen kann, darf auch über ein Dach über dem Kopf, eigene Sanitäranlagen und eine Küche verfügen. Es sind widerliche Zustände, unter denen die Lebensbedingungen der Obdachlosen Hamburgs in Zukunft nun wohl noch prekärer werden.

    Währenddessen findet man beispielsweise durchaus genügend Geld für Überwachungsprojekte: Seit dem Sommer wird der Hansaplatz in der Nähe des Hauptbahnhofs von intelligenter Überwachungstechnologie abgeschirmt, die „verdächtiges Verhalten“ erkennt, zu dem jetzt sicherlich auch das Obdachlos-Sein zählen wird.

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