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Montag, April 22, 2024
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    Wer sind die „Grauen Wölfe”?

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    In den letzten Tagen liest man viel über die Grauen Wölfe oder die Ülkücü-Bewegung. In Belgien sorgen sie derzeit für Progrom-Stimmung gegen Kurd:innen. Aber wer sind sie? – Ein Kommentar von Alex Lehmann

    Bei den Grauen Wölfen handelt es sich um nicht weniger als die größte faschistische Organisation Deutschlands. Die aus der Türkei stammende und oft auch Ülkücü genannte Struktur hat in Deutschland mehr als 18.000 Mitglieder und 300 Lokale. Damit ist sie in etwa sechsmal so stark wie die faschistische Partei Die Heimat (ehemals NPD).

    Die Bewegung teilt sich in einen eher „bürgerlichen“ oder gemäßigten Flügel um die Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP – Milliyetçi Hareket Partisi) und einen eher islamistisch orientierten um die MHP-Abspaltung namens Große Einheitspartei (BBP – Büyük Birlik Partisi). In Deutschland unterhalten beide Flügel eine große Vielfalt an kleinen und großen Vereinen, Sportclubs und Verbänden. Die größten von ihnen sind die MHP-nahe Türk Fedarasyon und ihre islamistischen Abspaltungen ATB und ATIB.

    Über Vereinslokale, Sportclubs, Jugendgruppen, Kultur- und Elternvereine und Moschee-Gemeinden nehmen sie vor allem Einfluss auf türkische Migrant:innen – aber auch auf die deutsche Politik, beispielsweise durch Kontakte zu Politiker:innen der bürgerlichen Parteien. Immer wieder gibt es außerdem Berichte über Anhänger:innen der Bewegung, die im deutschen Sicherheits- und Überwachungsapparat tätig sind. Eine Taktik, die man sonst eher von organisierten deutschen Faschist:innen wie dem Kreuz-Netzwerk kennt.

    Verdacht auf „Graue Wölfe“ in der Bundeswehr

    Ideologie der Grauen Wölfe

    Nicht nur in ihrer Unterwanderungstaktik, auch in ihrer ekelhaften Ideologie ähneln sich die deutschen und türkischen Faschist:innen. Die Ideologie der Grauen Wölfe hängt eng zusammen mit der Ideologie des Turanismus.

    Der Turanismus geht davon aus, dass alle „Turkvölker“ von Afghanistan und China im Osten bis zum südlichsten Zipfel des Balkans Teil einer überlegenen Rasse seien und in einem großtürkischen Reich, dem Reich Turan, vereint werden müssten. Die wichtigsten Bestandteile ihrer Ideologie sind also Rassismus und fanatischer Nationalismus.

    Die zweite Säule ihrer Ideologie ist die „Neun-Lichter-Doktrin“. Sie bestimmt die wichtigsten Grundlagen der Politik der Ülkücü-Bewegung: Nationalismus, Idealismus, Ehrgefühl, Wissenschaft, Einheit, Bauernschaft, Freiheit und Selbstständigkeit.

    Dazu kommt die „Tükisch-islamische-Synthese“, welche die Türkei und die Türken als untrennbar mit dem Islam verbunden und den Islam wiederum als untrennbar von der Türkei betrachtet.

    Schon nach diesem kurzen Blick auf die Ideologie der Grauen Wölfe, kann man zahlreiche Gemeinsamkeiten zum Nationalsozialismus und den deutschen Faschist:innen erkennen: das Streben nach einem Großreich für das eigene Volk und seine rassistische Überhöhung, die Beschwörung der nationalen Einheit oder der Hass auf religiöse und nationale Minderheiten.

    Michael Kühnen, ein führender Kopf der faschistischen Bewegung in der BRD der 1980er Jahre, formulierte es 1978 in einem Interview so: „Wir kennen die Leute – wir achten sie. Die Grauen Wölfe sind praktisch eine Art Entsprechung, wenn auch auf der nationalen Tradition in der Türkei, und wir haben große Sympathie für ihre Zielsetzung.“

    Anfänge der Bewegung

    Seine Anfänge hat der Turanismus schon im Osmanischen Reich des 18. Jahrhunderts. Eine große Rolle spielte er im 1. Weltkrieg und der Regierung der Jungtürken 1908/09. Die praktische Anwendung dieser Ideologie wurde zur Grundlage des ersten systematischen Völkermords im 20. Jahrhundert an den Armenier:innen.

    Schon in den Jahren zuvor fielen bis zu 300.000 Armenier:innen der rassistischen Verfolgung im Osmanischen Reich zum Opfer. In den Jahren 1915–1916 erreichte diese Verfolgung eine neue Qualität: bis zu 1,5 Millionen Armenier:innen fielen in dieser Zeit zahlreichen Massakern und Todesmärschen zum Opfer. Die türkische Regierung leugnet die Verbrechen bis heute.

    Nach dem Ende des 1. Weltkriegs entstand mit der unabhängigen Türkischen Republik ein neuer Staat und das Osmanische Reich zerbrach. Eine Zeit, die bis heute oft als fortschrittlich betrachtet wird. Mustafa Kemal Atatürk, der 1. Präsident der Türkei, wird bis heute als säkularer und bürgerlicher Staatsmann gefeiert.

    Auch Atatürk vertrat die Ideologie des Turanismus und wurde de facto das Oberhaupt einer faschistischen Regierung. Durch seine Regierung wurden zahlreiche Kommunist:innen und andere fortschrittlich gesinnte Menschen ermordet.

    Unter seiner Herrschaft wurden in der Türkei außerdem Kurd:innen, Alevit:innen, Armenier:innen und andere nationale und religiöse Minderheiten verfolgt und massakriert. Das bekannte Massaker ist wohl der Völkermord an der kurdischen Bevölkerung Dersims .

    Nach einem Aufstand gegen die koloniale Herrschaft der Türkei über die kurdische Region veranlasste die Regierung in den Jahren 1937–1938 eine „Militäroperation“ in Dersim. Zehntausende Kurd:innen wurden von der türkischen Armee ermordet, etliche andere deportiert oder inhaftiert.

    In den 1940er Jahren wuchs zudem eine enge Freundschaft und gegenseitige Bewunderung zwischen der Ülkücü-Bewegung und dem Nationalsozialismus. Hitlerdeutschland wurde zum größten Unterstützer und Finanzier des türkischen Faschismus und die Türkei wiederum zu einem wichtigen Rohstofflieferanten für die deutsche Kriegsmaschinerie.

    Vereint waren die Gesinnungsbrüder auch in ihrem Hass auf Jüd:innen: 1934 kam es mit der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Thrakien auch in der Türkei zu antisemitischen Pogromen. Als der Sieg der Alliierten im 2. Weltkrieg offensichtlich wurde, brachen die Beziehungen zum faschistischen Deutschland ab und die Führer der Grauen Wölfe wurden von der türkischen Regierung verhaftet.

    Antikommunismus und Terror im Kalten Krieg

    Einen erneuten Aufschwung erlebte die Bewegung im Kalten Krieg. Die erst kurz zuvor inhaftierten Führer des türkischen Faschismus wurden aus den Gefängnissen entlassen und die Grauen Wölfe zum Rammbock der türkischen Regierung in ihrem Kampf gegen Revolutionär:innen und den Kommunismus.

    Nicht zuletzt agierten sie auch als Teil der geheimen NATO-Armeen (Gladio), deren Aufgabe es war, durch Anschläge und Terrorismus die antikommunistische Stimmung anzuheizen, gezielt Linke zu ermorden und eine sozialistische Revolution in Europa zu verhindern.

    Bis heute sind die Grauen Wölfe in der Türkei eng mit der Politik, der Polizei, der Armee, der Justiz, den Kapitalist:innen und der organisierten Kriminalität vernetzt. Deutlich wurde das erneut beim Auftritt des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu 2017 in Hamburg, der dort während seiner Rede den Gruß der Grauen Wölfe zeigte.

    Hunde, die bellen, beißen auch!

    Antifaschismus und Internationalismus müssen Hand in Hand gehen!

    Wenn wir also als klassenkämpferische Antifaschist:innen davon reden, gegen den Faschismus zu kämpfen, Selbstschutz aufzubauen und die Hetze der Faschist:innen zu enttarnen, dann müssen wir immer auch den türkischen Faschismus mitmeinen.

    Und zwar nicht nur, weil er in Deutschland die größte faschistische Organisation stellt. Die Türkei selbst ist seit Jahrzehnten ein enger Partner des deutschen Imperialismus und kämpft nicht nur in der Türkei und Europa gegen fortschrittliche Kräfte.

    Sie geht auch immer aggressiver gegen die Revolution in Rojava vor und macht dabei gemeinsame Sache mit Terrorgruppen wie dem IS oder Al-Nusra. Als Antifaschist:innen und Internationalist:innen sollten wir unseren Blick und unseren Kampf deshalb nicht nur auf Deutschland und die deutschen Faschist:innen beschränken, sondern alle Schattierungen des Faschismus entschlossen bekämpfen!

    • Perspektive Autor seit 2023. Jugendlicher Arbeiter im Einzelhandel aus Norddeutschland, schreibt gerne Artikel um den deutschen Imperialismus und seine Lügen zu enttarnen. Motto: "Wir sind die Jugend des Hochverrats!"

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