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Sonntag, Juli 21, 2024
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    Gegenoffensive der ukrainischen Armee hat begonnen – welche Rolle spielen Elon Musk, faschistische Milizen, Staudamm-Zerstörung und Leopard-Panzer?

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    Die anlaufende Gegenoffensive der NATO-gestützten ukrainischen Armee gegen die russische Besatzung bringt eine neue Komplexität in den Stellvertreterkrieg. Ob Staudamm-Zerstörung, Angriffe in der Tiefe Russlands und faschistische Milizen im Grenzgebiet – die kommende Kriegsphase wird zehntausende Tote und weiteres Eskalationspotenzial mit sich bringen.

    Seit Monaten hatte die ukrainische Führung von einer kommenden Gegenoffensive gesprochen, welche die russischen Besatzungstruppen aus dem Land herausdrängen sollen. Nun hat diese offenbar begonnen. Davon geht etwa das amerikanische “Institut for the Study of War“ aus, wie es auf Twitter am Donnerstag erklärte. Auch der Chef der russischen Wagner-Miliz, Jewgeni Prigoschin, beschrieb eine Reihe von ukrainischen Vorstößen als den Beginn dieser Offensive.

    Die Marschrichtung für den Gegenschlag hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in den letzten Wochen und Monaten immer wieder vorgegeben: das gesamte ukrainische Territorium inklusive der Krim solle zurückerobert werden. Der amerikanische Generalstabschef Mark Milley hatte diese Erwartungen bereits Ende März gedämpft. Damals erklärte er: „Das ist eine bedeutende militärische Aufgabe. Eine sehr, sehr schwierige militärische Aufgabe. Es geht um einige hunderttausend Russen, die sich noch in der von Russland besetzten Ukraine aufhalten. Ich sage nicht, dass es nicht machbar ist. Ich sage nur, dass es eine sehr schwierige Aufgabe ist.“

    Seine Einschätzungen dürften in diesem Fall mehr Gewicht haben als die des ukrainischen Präsidenten. Denn das Land ist militärisch, logistisch und politisch weitgehend abhängig von den USA als größtem Unterstützer sowie weiteren NATO-Ländern wie Deutschland, die ebenfalls Mitspracherecht einfordern.

    So hatte etwa die US-Vize-Außenministerin Victoria Nuland Ende Mai öffentlich erklärt, man habe seit vier bis fünf Monaten die Offensive gemeinsam mit der Ukraine vorbereitet.

    Damit unterstrich sie erneut, wie sehr die Ukraine letztlich als Stellvertreter-Armee im Kampf der USA und verschiedener weiterer NATO-Staaten gegen Russland fungiert.

    Anfang Juni wurde sogar verlautbart, dass das amerikanische Verteidigungsministerium mit dem amerikanischen Milliardär Elon Musk zu einem Deal gekommen sei, dessen „Starlink“-System in der Ukraine zu kaufen. “Starlink” ist ein Satellitensystem, das von der ukrainischen Armee zur Kommunikation genutzt wird und seit Kriegsbeginn eines der zentralen Pfeiler seiner Kriegsführung ist. Hatte zuvor der launige und wenig berechenbare Elon Musk die Verfügungsgewalt über das System, sichert sich das Pentagon mit mit seiner Übernahme ein entscheidendes Mittel in der Kontrolle der ukrainischen Kriegsführung.

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    Ukrainische Gegenoffensive mit Aktionen im tiefen russischen Raum

    Bereits in den letzten Wochen gab es mehrere Aktionen des ukrainischen Militärs, die als Vorbereitungskämpfe zu einer größeren Offensive gewertet werden können.

    So wurde etwa die Eisenbahnbrücke über den Fluss Tashchenak durch Partisanenaktionen “hinter feindlichen Linien” zerstört. Zudem drangen verschiedene Milizen in die Grenzregion zu Russland bei Belgorod ein. Diese setzen sich aus Neonazis und anderen faschistischen Gruppen zusammen. Selbst András Rácz von der “Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik” geht davon aus, dass sie der ukrainischen Armee untergeordnet seien. Zudem gab es in den letzten Wochen verschiedene Angriffe in der Tiefe des Landes wie etwa Drohnenangriffe auf Moskau oder einen Drohnenflug bis hin zum Kreml.

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    Ziel dieser Aktionen innerhalb Russlands dürfte sein, die Moral der russischen Truppen anzukratzen und zugleich die Unterstützung der russischen Bevölkerung für den Krieg und die militärische Führung zu untergraben. Gleichwohl bergen diese Aktionen unvorhergesehene Dynamiken – gerade weil bekannt wurde, dass bei den Angriffen der faschistischen Milizen offenbar von diesen amerikanisches und belgisches Militärgerät eingesetzt wurde.

    Bisher hatten militärische Kräfte des Westens stets darauf geachtet, der Ukraine keine Waffen zur Verfügung zu stellen, mit denen sie solche Offensivaktionen auf das russische Gebiet durchführen können – die Gefahr einer direkten Konfrontation zwischen der NATO und der Russland würde zu groß.

    Die US-Militärführung hat immer wieder erklärt, einen direkten Krieg mit Russland verhindern zu wollen. Hintergrund dessen ist nicht etwa die Friedfertigkeit des US-Militärs, sondern dass damit zu viele US-Kapazitäten gebunden würden, während doch eigentlich China der Hauptrivale im Kampf um die Welthegemonie ist. Zudem dürfte eine direkte Konfrontation zwischen den Atommächten USA und Russland gänzlich unvorhersehbare Dynamiken in Gang setzen.

    Offenbar versucht Kiew dennoch, immer wieder die Grenzen, die ihnen von den Amerikanern gesetzt werden, auszureizen.

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    Staudamm-Zerstörung – wem nützt es?

    Bereits die ersten Tage der nun anlaufenden Offensive des ukrainischen Militärs lassen erahnen, wie sehr die Komplexität und Dynamik der Kriegshandlungen zunimmt. Dies zeigt sich etwa an der Sprengung des Kachowka-Staudamms. Laut dem Hochwasserforscher Daniel Bachmann könnten von der Flutwelle Wohnungen von bis zu 60.000 Menschen betroffen sein. Russland und die Ukraine beschuldigen sich gegenseitig der Sprengung. Ein ukrainischer Beamter sprach wiederum davon, dass es einfach ein Unfall gewesen sein könnte.

    Doch wem nützt die Zerstörung? Zum einen dürfte zwar durch die nun starke Verbreiterung des Flusses Dnjepr eine Landung amphibischer Kräfte von der westlichen auf die östliche Seite des Flusses durch ukrainische Kräfte zumindest für einige Zeit erschwert werden. Ähnlich äußerte sich Wolodymyr Saldo, Gouverneur der russisch besetzten Gebiete der Oblast Cherson: „Aus militärischer Sicht hat sich die operativ-taktische Situation zugunsten der Streitkräfte der russischen Föderation entwickelt“.

    Zum anderen sind vor allem Teile des russischen Gebiets überschwemmt, was auch bereits vorbereitete russische Verteidigungsstellungen an der Flußgrenze schwächen dürfte. So sieht der NATO-nahe US-Think-Tank “Institute for the Study of War” eher Russland durch die Staudammsprengung in Bedrängnis.

    Es wäre nicht die erste Sprengung strategischer Infrastruktur zu Kriegszwecken. Im September 2022 waren die „Nord Stream“-Pipelines zerstört worden, durch die Russland Deutschland mit Gas versorgte. Zuletzt berichteten westliche Medien erneut über Hinweise auf eine ukrainische Spezialeinheit – ein amerikanischer Dienst soll Deutschland sogar bereits im Juni 22 vor solchen Anschlägen gewarnt haben.

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    Offensivaktionen bei Saporischja

    Die Zerstörung kommt zu einem Zeitpunkt, da die ersten Offensivaktionen der ukrainischen Armee sich massiv ausweiten. So gibt es derzeit verschiedene Vorstöße in der Region Saporischja. Laut russischem Militär sollen dabei auch Leopard-Panzer zum Einsatz gekommen sein.

    Wie Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer jüngst erklärte, waren diese Vorstöße von verschiedener Experten schon länger debattiert worden. Dabei gehe es darum, die Kräfte der russischen Armee, die einen breiten Streifen im Osten der Ukraine sowie die Krim kontrollieren, zu teilen. Zudem erwartet Reisner noch Angriffe auf die Brücke/Straße von Kersch. Damit wären die im Süden vorhandenen Kräfte schwer zu versorgen. Zudem könne die ukrainische Armee – falls sie bis zur Küste des asowschen Meeres vorstoßen könnte – Einfluss auf die Handelsstraße des Don haben.

    NATO-Truppen in den Krieg?

    Die nun beginnende Phase größerer Offensivschlachten dürften vor allem für die ukrainische Seite hohe Verluste mit sich bringen, bevor sich mögliche erste Erfolge einstellen, da sich die russischen Truppen lange “eingraben” konnten. Zehntausende Tote auf beiden Seiten sind zu erwarten.

    Erste Erfolgsmeldungen hofft die ukrainische Führung möglicherweise bis zum NATO-Gipfel am 11. und 12. Juli in Villnius vermelden zu können. Dort wird nicht nur der ukrainische Kriegsverlauf, sondern damit einhergehend die Verteidigung des Bündnisgebiets auf der Tagesordnung stehen.

    Ebenso wird im Vorfeld die Forderung nach einer NATO-Mitgliedschaft der Ukraine vorgebracht werden, die ebenfalls an diesen Gipfel-Tagen debattiert werden dürfte. Doch selbst Selenksyj hatte bereits erklärt, er halte eine Mitgliedschaft während der heißen Phase des Kriegs für nicht realistisch. Zudem müsste eine Mitgliedschaft von allen 31 Nato-Ländern ratifiziert werden, was derzeit unwahrscheinlich scheint. Unter anderem Deutschland bremst hier, da die deutsche Großmacht kein Interesse an einer direkten Konfrontation mit Russland hat und sich langfristig gesehen noch immer die Option einer Wiederkooperation offen halten möchte.

    Zugleich drängen verschiedene osteuropäische und baltische Länder auf eine offensivere Haltung gegenüber Russland. So erklärte der ehemalige NATO-Generalsekretär Rassmussen, dass Polen möglicherweise bereit sei, in Zukunft eigene Truppen in die Ukraine zu senden: „Wenn sich die Nato nicht auf einen klaren Weg für die Ukraine einigen kann, besteht die Möglichkeit, dass einige Länder einzeln Maßnahmen ergreifen.“ Darunter fielen Polen, das „sehr engagiert ist, der Ukraine konkrete Hilfe zu leisten“, aber auch die baltischen Staaten. „Vielleicht einschließlich der Möglichkeit von Truppen vor Ort“, so Rasmussen weiter. Auch in Frankreich entstünde eine „Dynamik hinter dieser Idee“.

    Auch wenn gerade Polen und die baltischen Länder in starker Abhängigkeit von den USA stehen, so zeigt sich doch, wie der Ukraine-Krieg in eine nun wieder gefährlichere Phase eintritt, die unvorhergesehene Dynamiken freisetzen wird.

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