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Samstag, Juli 13, 2024
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    Rammstein: Bei patriarchaler Gewalt können wir uns auf den Staat nicht verlassen!

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    Nachdem im Juni Vorwürfe wegen sexualisierter Gewalt gegen Till Lindemann, Sänger der Band Rammstein, erhoben wurden, kam es zu einem Prozess gegen ihn, der vor Kurzem sein Ende fand. Das Verfahren gegen Till Lindemann wurde mangels “hinreichender Beweise“ eingestellt. Für die Betroffenen bleibt nichts außer Vorwürfen gegen sie. Ein weiterer Fall, der uns zeigt, dass wir uns im Kampf gegen patriarchale Gewalt nicht auf den Staat verlassen können. – Ein Kommentar von Alexandra Magnolie.

    Anfang Juni ging die Nordirin Shelby Lynn über Instagram mit Vorwürfen sexualisierter Gewalt durch Till Lindemann an die Öffentlichkeit. Daraufhin äußerten sich immer mehr Frauen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten.

    Frauen äußern schwere Vorwürfe gegen Rammstein-Sänger Till Lindemann

    Von Anfang an wurde über diese Vorfälle in der Öffentlichkeit und den Medien heiß diskutiert. Es gab verschiedene Reaktionen: Solidarität mit den Betroffenen, aber auch große Solidarität mit der Band „Rammstein“ und ihrem Frontsänger, gegen den sich die Vorwürfe richteten. Insgesamt hat diese Diskussion aber von Anfang an wieder gezeigt, wie mit Frauen, die Opfer patriarchaler Gewalt geworden sind, im öffentlichen Diskurs umgegangen wird.

    Warum kommt es nicht zu einer Verurteilung?

    Dass das Verfahren gegen Lindemann nun eingestellt wurde, war zu erwarten und reiht sich ein in eine lange Liste von Fällen, bei denen Verfahren gegen mutmaßliche Täter aufgrund von “mangelnden Beweisen” eingestellt oder fallen gelassen werden. Es sind die gleichen Aussagen, wie wir sie von vielen Fällen kennen: „Es gibt keine Beweise, der Verdacht hat sich nicht erhärten können.“

    Dass Verfahren wegen Begründungen wie diesen so oft eingestellt werden können, hat verschiedene Ursachen: Einerseits sind Frauen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind, immer noch einem besonderen Druck ausgesetzt, wenn sie an die Öffentlichkeit gehen. Sie werden als Lügnerinnen beschimpft, ihnen wird gedroht und die Schuld zugeschoben. Gerade in solchen öffentlichkeitswirksamen Fällen ist die psychische Belastung extrem groß und führt dazu, dass viele Frauen sich gar nicht erst trauen, vor Gericht auszusagen. Andererseits geht ein Gerichtsprozess häufig mit einer großen finanziellen Belastung einher, was sich schlichtweg nicht jede Frau leisten kann.

    Beides konnte man auch im Fall um den Rammstein-Sänger beobachten. Bereits während des Prozesses hatten Lindemanns Anwälte gegen die Süddeutsche Zeitung, den Spiegel und Kayla Shyx mit einstweiligen Verfügungen erwirkt, dass bestimmte Darstellungen untersagt wurden. Auch jetzt – nach Einstellung des Gerichtsprozesses – will Lindemanns Anwaltskanzlei weiter gegen Zeitungen, die über die Vorfälle berichteten, und gegen die YouTuberin Kayla Shyx, die in einem Video über ihre Erfahrungen berichtet, vorgehen. Gegen den Spiegel und Shyx soll nun auch Hauptanklage eingereicht worden sein, so die Kanzlei in ihrer Pressemitteilung. Bei den Aussagen und Artikeln, die untersagt wurden, handelte es sich jedoch um konkrete Vorwürfe von Betroffenen. Nun wird versucht, die Stimme der Frauen aus der Öffentlichkeit heraus zu halten und sie damit mundtot zu machen.

    Doch selbst wenn man es geschafft hat, trotz all dieser Hürden eine Anzeige zu stellen, kommt es nur in den seltensten Fällen zu einer Verurteilung: die Anzahl der gestellten Anzeigen nimmt zwar zu, die Anzahl der Verurteilungen hingegen sinkt sogar. Dass Täter selbst mit vorliegenden Beweisen und Zeugenaussagen freigesprochen werden, ist augenscheinlich kein Zufall oder beruht auf der Unfähigkeit einzelner Richter:innen.

    Gewalt gegen Frauen hat System – auch in der Justiz!

    Das Patriarchat sorgt immer noch dafür, dass wir als Frauen in dieser Gesellschaft eine bestimmt Rolle einzunehmen haben: Wir leisten unbezahlte Hausarbeit, arbeiten in den schlechter bezahlten Berufen und erfahren tagtäglich, wie wir schlechter behandelt werden – einfach nur, weil wir Frauen sind. Die Mehrheit der Gesellschaft erwartet, dass wir uns in eine bestimmte Rolle fügen, etwa in die der sich kümmernden Mutter, des lieben Mädchens, der pflegenden Tochter und Schwiegertochter, der Frau, die sich mit ihren eigenen Interessen nach- oder unterordnet.

    Um uns in diese Stellung zu pressen, gibt es eine Reihe von Mechanismen, die das Patriarchat entwickelt hat. Eine davon ist eben auch die Gewalt gegen Frauen, speziell die sexualisierte Gewalt, beispielsweise in Form von Vergewaltigungen. Sie wird genutzt, um uns klein und abhängig zu halten, uns in unsere Rolle im System zu zwingen – deshalb hat diese Gewalt System. Sie ist ein wichtiger Hebel zur Aufrechterhaltung des Patriarchats.

    Nicht zufällig ist die Verurteilungsrate bei Vergewaltigung im Vergleich zu anderen Straftaten extrem niedrig: Insgesamt werden nur 5-15 Prozent der Vergewaltigungen angezeigt – und nur bei 8 Prozent von diesem Anteil kommt es zu einer Verurteilung. Der Grund ist ein ganzes System von Ausbeutungs-und Unterdrückungsmechanismen, das dahinter steht.

    Frauensolidarität gegen Lindemann und Co. – es gibt kein perfektes Opfer, hört auf, uns dazu zu machen

    Auf den Staat können wir uns nicht verlassen

    Betrachten wir die Lage und hören von Beispielen wie dem Fall Lindemann, dann müssen wir registrieren, dass auf den Staat kein Verlass ist, wenn wir die betroffenen Frauen unterstützen und gegen patriarchale Gewalt kämpfen wollen. Am Ende werden wir in einem System, zu dessen Pfeilern patriarchale Ausbeutung und Unterdrückung gehören, diese Gewalt niemals besiegen können.

    Wir können nicht frei sein in einem gesellschaftlichen System, das systematische Gewalt gegen Frauen duldet oder gar benötigt. Wir können nicht darauf warten, dass sich in irgendwelchen Parlamenten etwas grundlegend am Patriarchat ändert, denn das wird – wie ein Fall nach dem anderen zeigt – nicht passieren. Wenn wir etwas ändern wollen, dann müssen wir das selbst tun.

    • Schülerin aus dem Ruhrpott und seit Oktober 2023 Korrespondentin für Perspektive. Besonders gerne schreibt sie über die Frauenrevolution, Militarisierung und die Jugend. Hobbykünstlerin und Katzenliebhaberin.

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