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Donnerstag, Februar 29, 2024
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    Die Frankfurter Buchmesse und das Schweigen über die Gewalt an palästinensischen Frauen

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    Adania Shiblis Roman „Eine Nebensache” sollte auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse geehrt werden – doch die Preisverleihung fand als Reaktion auf den 7. Oktober nicht statt. Der Roman über die Vergewaltigung und Ermordung eines beduinischen Mädchens durch einen Trupp israelischer Soldaten zeigt ein paar unschöne Wahrheiten auf. – Eine Buchrezension anlässlich des anstehenden “Tags gegen Gewalt an Frauen” am 25. November von Elodie Fischer.

    Nach der Staatsgründung Israels 1948 zogen Soldatentrupps durch die Negev-Wüste, um die beduinische Bevölkerung von dort zu vertreiben. Adania Shiblis Roman „Eine Nebensache” knüpft dort an und erzählt von einem beduinischen Mädchen, dessen Familie getötet und das selbst gefangen genommen, vergewaltigt und schließlich ermordet wird.

    Der Roman verwebt das Schicksal des Mädchens mit dem einer palästinensischen Journalistin, die Jahrzehnte später in einem Zeitungsartikel davon liest. Ein Detail geht der Journalistin danach nicht mehr aus dem Kopf: Sie selbst wurde auf den Tag genau 25 Jahre nach dem Vorfall geboren. Die Journalistin, deren Alltag von Kontrollen, Checkpoints und dem Gefühl von Panik geprägt ist, macht sich auf die Suche nach Antworten. Dabei stellt das Buch richtigerweise auch klar „Vergewaltigungen ereignen sich nicht nur im Krieg, sondern Tag für Tag.” (S. 67)*

    Wovor hatte die Frankfurter Buchmesse Angst?

    „Eine Nebensache” ist kein Einzelfall: Gerade erleben wir eine Welle von Ausladungen und Kündigungen pro-palästinensischer Kunstschaffender. So wurde zum Beispiel eine Tourguide im jüdischen Museum Berlins gekündigt, weil sie während ihrer Touren von „Apartheid” in Bezug auf die Unterdrückung der Palästinenser:innen im Westjordanland sprach.

    Adania Shiblis Preisverleihung wurde dem Veranstalter “Litprom e.V.” zufolge „aufgrund des durch die Hamas begonnenen Kriegs, unter dem Millionen Menschen in Israel und Palästina leiden”, abgesagt. Hier wird patriarchale Gewalt wegen anderen Formen von Gewalt hinten angestellt. Das erscheint umso irrsinniger in Anbetracht dessen, dass die Kampfhandlungen in Palästina – nicht erst seit dem 7. Oktober – eine furchtbare Konsequenz aus eben jener gewaltsamen Unterdrückung der Palästinenser:innen durch Israel sind, wie sie das Buch beispielhaft darstellt.

    Patriarchale Gewalt in Israel und Palästina: nicht verharmlosen, nicht instrumentalisieren

    Währenddessen fanden auf der Buchmesse zahlreiche andere Preisverleihungen und Partys statt. Es wurde also speziell gegen dieses Werk und diese Autorin vorgegangen. Dass die Preisverleihung verschoben und der „Raum für palästinensische Stimmen in der Literatur” geschlossen werde, kritisierten daraufhin u.a. 1.200 internationale Kulturschaffende, Autorinnen und Autoren.

    Besonders interessant an der Ausladung Shiblis von der Buchmesse ist: Auf den ersten Blick scheint das Buch kaum politisch zu sein. Shibli schreibt in präziser und nüchterner Sprache und stellt keine politischen Forderungen. Sie zeichnet in klaren Worten ein Bild des Alltags in Palästina – ohne dabei jedoch zu werten. Den beinahe einzigen Vorwurf an ihrem Buch, nämlich dass israelische Personen namenlos blieben, wies sie mit der schlichten Begründung zurück, dass in dem Buch eben niemand einen Namen trage – auch Palästinenser:innen nicht.

    Weshalb also der Aufriss? „Eine Nebensache” verwebt die Staatsgründung Israels mit patriarchaler Gewalt an palästinensischen Frauen. Damit ist der Roman ein Dorn im Auge des israelischen Staats, der sich immer wieder als feministischer Heilsbringer für arabische Frauen inszeniert. Durch die beiden Handlungsstränge werden Verbindungen hergestellt zwischen dem beduinischen Mädchen damals und der palästinensischen Journalistin heute, welche die Kontinuität der Gewalt an Frauen aufzeigen. Damit wird deutlich, dass die Vergewaltigung und der anschließende Femizid kein Einzelfall war, sondern dass der israelische Staat in seiner bestehenden Form auch auf der Anwendung patriarchaler und anderer Formen von Gewalt gegenüber anderen basiert.

    Das Politische zwischen den Zeilen

    In Adania Shiblis Roman bleibt nichts nebensächlich, und das Politische ist meist zwischen den Zeilen zu finden: Die israelischen Soldaten leiden unter der Hitze und kennen die Insekten der Negev Wüste nicht. Subtil werden sie somit zu Fremden, die sich nicht in dem Land auskennen, das sie besetzen. Die Journalistin ist nervös, scheint nicht zur Ruhe zu kommen und gerät in Panik bei Kontakt mit Soldaten. Ihre Traumata kann man nur erahnen. Und indem das Leben der einen Frau dort anknüpft, wo das andere endet, wird die Widerständigkeit eines Volkes aufgezeigt, das nicht kleinzukriegen ist: „Man reißt ein Grasbüschel mit den Wurzeln aus und glaubt, man sei das Kraut für immer los, aber nach einem Vierteljahrhundert wächst Gras derselben Art an derselben Stelle wieder nach.” (S. 68)*

    Adania Shiblis kurzer Roman benennt kaum merklich, aber präzise die Gewalt, die speziell palästinensische Frauen durch die israelische Besatzung erfahren. Die Ausladung Adania Shiblis von der Buchmesse zeigt aber ebenso, dass Frauen auch hierzulande nicht über patriarchale Gewalt sprechen dürfen. Unsere Antwort darauf muss am “Tag gegen Gewalt an Frauen” auf der Straße lauten: Wir kämpfen gemeinsam, Seite an Seite mit Palästinenserinnen, gegen patriarchale Gewalt und gegen jede Einschränkung mutiger Frauen, die über diese sprechen und schreiben.

    *Zitiert aus Adania Shibli: „Eine Nebensache”, übersetzt von Günther Orth, Berenberg Verlag.

    • Perspektive-Autorin seit 2023, politisiert über Palästina-Aktivismus. Schreibt vor allem über Frauen- und Arbeiter:innen-Kämpfe. Studiert und arbeitet im Kulturbereich in Berlin, gibt gerne Buchempfehlungen.

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