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Montag, April 22, 2024
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    Milliardär Reinhold Würth: Heuchelei in der Verteidigung der Demokratie

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    Der „Firmenpatriarch“ der „Würth-Gruppe“, Reinhold Würth, hat am 18. März in einem Brief an 25.000 Angestellte geraten, nicht die AfD zu wählen. Milliardäre, die Lobeshymnen auf die Demokratie der BRD singen, sind jedoch keine Kämpfer gegen den Faschismus. – Ein Kommentar von Anna Müller.

    Mit über 400 Tochterunternehmen in 80 Ländern hat es der „Schraubenkönig“ Reinhold Würth auf den 47. Platz der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt geschafft. Doch steht er nicht nur an der Spitze des internationalen Marktführers in der Befestigungs- und Montagetechnik, sondern neuerdings auch im „Kampf“ gegen die AfD.

    Entgegen seiner Behauptung, der Konzern „Würth-Gruppe“ würde sich normalerweise aus politischen Angelegenheit heraushalten, sind viele Positionierungen und Skandale des Konzerns und seines „Firmenpatriarchs“ Würth öffentlich. Nun hat er einen Brief an 25.000 seiner Angestellten geschrieben, in dem er dazu aufruft, nicht die AfD zu wählen:

    „Meine Empfehlung ist, lassen Sie uns im heutigen System unseres so wunderbaren Grundgesetzes mit unseren unterschiedlichen Meinungen, Vorstellungen und Ideen weiter zusammenleben und schätzen wir wieder, was wir haben: eine Familie, einen Arbeitsplatz, ein Auto, eine Wohnung oder ein Haus, Urlaubsziele, absolute Bewegungs- und Reisefreiheit und die politische Vielfalt der demokratischen Parteien.“

    Von der Wahl der AfD abbringen will er vor allem Protest-Wähler:innen, die nicht genug schätzen würden, in was für einer tollen Demokratie wir heute in Deutschland leben und denen es vielleicht einfach „zu gut ginge“. Da heute niemand hungern oder frieren müsse und zudem die Bedürftigen mit Hilfsangeboten der Sozialeinrichtungen des Bundes überschüttet würden, gebe es keinen Grund, die AfD zu wählen.

    Für Arbeitslose nur Hartz und Hetze

    Der „Schraubenkönig“ setzt seine Lobeshymne über die BRD fort: „Jeder kann sagen „Bundeskanzler Scholz ist ein Dummkopf“ und wandert dafür nicht für zwei Wochen oder ein halbes Jahr in das Gefängnis“. Zwar hält er nicht viel von der Ampelregierung, die er auch als „Hühnerhaufen“ betitelt. Doch für ihn ist es wunderbar, dass die deutsche Demokratie das aushält.

    Es gibt kein „wir“

    Auffallend ist, dass der Multimilliardär in seinem Brief stets von einem „wir“ schreibt. „Wir“ müssen nicht hungern und frieren, „wir“ haben alle ein Auto, „wir“ haben alle ein Haus und eine Familie, „wir“ haben doch alles, was wir brauchen.

    Und ja, in der Führung eines Konzerns, der in seiner Branche weltweit an der Spitze steht, ist es sicherlich trotz Wirtschaftskrisen kuschelig warm in der eigenen Villa mit Fuhrpark. Das „wir“, das er schildert und seine eigene Lebensrealität und die anderer Kapitalist:innen widerspiegelt, funktioniert nur durch die Ausbeutung jener, denen er dieses Schreiben geschickt hat. Durch die Ausbeutung der Arbeiter:innen, die sich laut ihm daran erinnern sollen, wie gut es ihnen geht.

    Alles Krise? Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Arbeiter:innenklasse

    Aber wie gut geht es den Arbeiter:innen, wenn eine Krise auf ihrem Rücken ausgetragen wird? Damit beschäftigt sich der 89-Jährige nicht weiter, man solle einfach nur nicht die AfD wählen. Die völlige Missachtung der Realität der Arbeiter:innenklasse in der Krise zeigt die Scheinheiligkeit des Schreibens. Auch die faschistische Ideologie, die hinter Parteien wie der AfD steht, wird völlig außer Acht gelassen.

    Würde dieWürth-Gruppe“ ein echtes Interesse an einem Stoppen der AfD-Wahlquote, zumindest unter ihren Angestellten, herbeiführen wollen, dann würde man auf die Verbesserung der Lebensumstände und nicht auf einen „Wir-haben-doch-alles“-Appell setzen. Erst kürzlich stellte er jedoch klar, dass ihn die Rechte der Arbeiter:innen eigentlich recht wenig interessieren. In einem Interview beklagte er, dass es eine überbordende staatliche Reglementierungswut und hohe Lohnkosten in Deutschland gebe. Zudem müssten „wir uns davor hüten, zu einer streikfröhlichen Nation zu werden“.

    Bürgerliche Demokratie, solange die Profite rollen

    Der Einsatz für die „bürgerliche Demokratie“ geht bei dem milliardenschweren Unternehmer auch nur soweit, wie es vereinbar mit den eigenen Profiten ist. Die deutsche Regierung verbot 2018 Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien, da es zu Dutzenden von politischen Hinrichtungen gekommen war. Damals legte Würth Widerspruch gegen die Aussetzung einer Ausfuhrgenehmigung ein – denn der Würth-Konzern lieferte Teile für gepanzerte Polizeifahrzeuge.

    Vergangenes Jahr wurde zudem bekannt, dass Würth weiterhin Elektrotechnik für Rüstungsunternehmen in Russland lieferte. Das Ganze lief über Zwischenhändler in Kasachstan, um die Exportverbote in Deutschland zu umgehen. Restriktive Gesetze sollten nach Reinhold Würth also am besten nur für das Streikrecht der Arbeiter:innen gelten – nicht aber für die deutschen Kapitalist:innen, die mit Menschenrechtsverstößen Profite machen.

    Mehr als eine Image-Kampagne steckt also wohl kaum hinter dem fadenscheinigen Schreiben, doch mehr sollten wir auch gar nicht erst von der Kapitalist:innenklasse erwarten. Statt uns auf Milliardäre zu verlassen, die nichts übrig haben als einen „herzlichen Dank für die Arbeit im Unternehmen“, und ihr Geld mit imperialistischen Kriegen verdienen, gilt es, die tatsächlichen Ursachen für den Aufstieg faschistischer Kräfte aufzuzeigen.

    Gegen AfD, Regierung und Kapitalismus

    • Autorin bei Perspektive seit 2024. Schülerin aus Oberfranken, interessiert sich für Klassenkämpfe weltweit und die Frauenrevolution. Denn wie Alexandra Kollontai damals schon erkannte: Ohne Sozialismus keine Befreiung der Frau – ohne Befreiung der Frau kein Sozialismus!

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