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Samstag, Juli 20, 2024
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    Wie und warum die kapitalistischen Großmächte den Krieg vorbereiten

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    Überall sehen wir, wie sich die imperialistischen Staaten auf die Unausweichlichkeit eines Krieges vorbereiten. Während manche, wie Deutschland oder Japan, diese Kriegsvorbereitungen als Schutz vor einer möglichen feindlichen Bedrohung darstellen, bekunden andere, wie die USA, Russland und China, offen ihre Expansionsabsichten und stellen ihre militärischen Fähigkeiten zur Schau. Bei genauerem Hinsehen ist offensichtlich, dass jeder imperialistische Staat als politisches Instrument seiner jeweiligen Monopole die Absicht hat, ein globaler Hegemon zu werden. Welche Geostrategien werden dabei verfolgt und welche Rolle spielt hier die Ukraine? – Ein Kommentar von Daniel Fröhlich

    Der Imperialismus lebt

    In der bürgerlichen Geschichtsschreibung gilt der Imperialismus als eine zufällige, aber auf jeden Fall abgeschlossene Epoche der Weltgeschichte, die mit unserer heutigen Zeit wenig zu tun hat. Im Gegensatz zu diesem Narrativ jedoch dominiert der Imperialismus, die am weitesten entwickelte Form des Kapitalismus, bis heute noch. Verglichen mit der Zeit um 1900 änderten die kapitalistischen Staaten und die Monopole, die ihre Politik bestimmen, natürlich ihre Strategien, passten sich den historischen Entwicklungen an und entwickelten sich selber in Form und Komplexität weiter. Auch sind in den letzten Jahren neue imperialistische Mächte wie China und Indien aufgestiegen.

    All das bedeutet jedoch, dass die gleichen kapitalistischen Faktoren, die die Welt schon zweimal in den Krieg gestürzt haben, auch heute noch bestehen. Die größten Monopole haben sich auf der Suche nach immer mehr Profit und Ressourcen auf dem Rücken ihrer Staaten und Armeen über alle Kontinente ausgebreitet und jeden Quadratmeter unter sich aufgeteilt. Sie sind so weit expandiert, dass sie sich allmählich in die Quere kommen und um die letzten Reste konkurrieren müssen.

    Ost-/Südostasien

    Die USA sind – vor allem seit der Auflösung der UdSSR – in jeder Hinsicht die hegemoniale Macht auf der Welt. Sie sind nicht nur die größte Volkswirtschaft, sondern dominieren auch in finanzieller (durch den IWF), politischer (durch ihre Position im UN-Sicherheitsrat) und militärischer Hinsicht (durch die NATO und ihre weltweit mehr als 1.000 Militärstützpunkte). Das Hauptziel des US-Staats besteht vor allem darin, dieses globale Imperium aufrechtzuerhalten, den Einfluss seiner Monopole zu verbreiten und den Aufstieg eines möglichen Thronräubers zu verhindern. Doch diese Position ist seit einigen Jahren nicht mehr so sicher wie bisher gedacht. Der rasante Aufstieg des neuen imperialistischen Players China, sowohl auf wirtschaftlicher als auch militärischer Ebene, kratzt an Washingtons Ego und hat seinen Fokus auf den Pazifik gelenkt.

    Langfristig will China natürlich aus seiner Position hinter den Vereinigten Staaten ausbrechen und seinen eigenen Platz an der Sonne erobern. Das vielleicht bekannteste Projekt zur Verwirklichung dieses Ziels ist die Neue Seidenstraße, ein unglaublich komplexes und massives Netz von Verkehrs- und Handelsinfrastrukturen, das Europa, Teile der afrikanischen Ostküste, West- , Zentral- und Südasien mit China verbinden soll, kurz gesagt: die wirtschaftliche, und damit politische Hegemonie in Eurasien. Chinesische (Staats-)Unternehmen haben bereits mit dem Bau ausländischer Häfen begonnen und chinesische Investmentbanken (4 der 10 größten Banken der Welt sind chinesisch) haben Millionen, wenn nicht gar Milliarden in ausländische Bau- und Infrastrukturprojekte investiert.

    Es gibt da nur ein kleines Problem. Die chinesische Küste ist auf allen Seiten von Inseln umgeben, die nicht zur VR China gehören. Noch dazu sind diese Inseln buchstäblich mit amerikanischen Militärstützpunkten übersät.

    Im Nordosten liegen die US-Verbündeten Südkorea und Japan, welche gerade stark aufrüsten. Als imperialistischer Staat hat Japan selber großen Einfluss in der Region und könnte in Zukunft, sollte sich die Gelegenheit bieten, seinen eigenen Weg gehen – unabhängig von den USA. Im Südosten liegt ein Gewirr von Inseln und Halbinseln (Philippinen, Indonesien, Malaysia…), von denen viele unter dem Einfluss der USA stehen und die für die chinesische Marine eine Reihe von Engpässen bilden. Und im Osten, nur eine zweistündige Bootsfahrt entfernt, liegt die Insel Taiwan, ein weiterer enger Verbündeter der USA – von China als abtrünnige Provinz betrachtet.

    Um die neue Seidenstraßen-Initiative und damit seine imperialistischen Bestrebungen verwirklichen zu können, wird China diese “Inselketten” durchbrechen müssen, was unweigerlich zu einem Krieg mit den USA und ihren Verbündeten in der Region führen wird. Die Vorbereitungen für diesen Krieg laufen schon seit Jahren, haben aber in letzter Zeit eine neue Qualität angenommen. Hierbei bildet Russland auf kurze Sicht einen Bündnispartner gegen die USA. Es darf jedoch keineswegs vergessen werden, dass beide Staaten letzten Endes imperialistische Konkurrenten sind und sehr entgegengesetzte Interessen haben.

    Europa

    Auch in Europa spitzen sich die imperialistischen Konflikte mit erheblicher Geschwindigkeit zu. Hier stoßen die Expansionsbestrebungen der NATO und die Interessen Russlands aufeinander. Auf dem europäischen Schauplatz wird der Kampf um die Kontrolle über Eurasien nochmals deutlicher. Doch auch innerhalb der NATO stoßen verschiedene Interessen und Strategien aufeinander.

    Deutschland lässt sich natürlich in seiner Geostrategie auch von den eigenen imperialistischen Vorhaben lenken. Auf lange Sicht ist es das Ziel des deutschen Imperialismus, erneut die Kontrolle über Europa und darüber hinaus auch Asien zu erlangen. In dieser Hinsicht hat Deutschland Frankreich innerhalb Europas erfolgreich untergeordnet und sich vorerst unter den Schutz der USA gestellt, um ungestört seinen eigenen politischen und wirtschaftlichen Einfluss zu vergrößern. Um jedoch als unabhängige imperialistische Macht zu expandieren, muss sich Deutschland auch von der US-Hegemonie lösen.

    Bis vor kurzem schien ein taktisches Bündnis mit Russland ein nicht unwahrscheinliches Mittel zu diesem Zweck zu sein. Der Krieg in der Ukraine hat Deutschland jedoch gezwungen, erneut unter dem Einfluss der USA zu bleiben, bis es seine eigenen militärischen Fähigkeiten weit genug entwickelt hat. Wie lange also die NATO ein mehr oder minder zusammenhängender Block bleiben wird, ist eine Frage ihrer Nützlichkeit für ihre mächtigsten Mitgliedsstaaten.

    Auch Russland ist bestrebt, seine territorialen Veränderungen der letzten Jahrzehnte zu revidieren und zu einem “glorreicheren” Zustand zurückzukehren, den es im Staatsgebiet und Einflussbereich der ehemaligen Sowjetunion sieht. Wie in China, sieht sich auch die herrschende Klasse Russlands mit den geographischen Besonderheiten des Landes konfrontiert: Als größtes Land der Welt hat Russland eine riesige Fläche, und damit lange Grenzen zu verteidigen. Zudem verfügt Russland, vor allem im Grenzgebiet zur NATO, kaum über natürliche Grenzen (etwa große Flüsse oder Bergketten). Im Gegenteil erstreckt sich über den gesamten Westen des Landes die osteuropäische Ebene, die erst an den Karpaten in Rumänien und der Westukraine endet. Noch dazu verfügt Russland kaum über Häfen, die das gesamte Jahr über eisfrei sind.

    Somit ist auch der russische Staat gezwungen, aus diesen einklemmenden Gegebenheiten auszubrechen, wenn es sich als imperialistischer Hegemon über Eurasien behaupten möchte. Um diese Ziele zu verwirklichen, ist Russland in den letzten Jahren einige strategische Bündnisse eingegangen und Organisationen beigetreten (z.B. mit dem Iran oder den BRICS-Staaten mit Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika). Auf Grund seiner relativen militärischen Schwächen hat es sich auf die ideologische und hybride Kriegsführung konzentriert.

    Die US-amerikanische Strategie richtet sich auch in Europa auf die Aufrechterhaltung ihrer Vormachtstellung in Eurasien, und somit der Welt. Die USA liegen jedoch dummerweise gar nicht in Eurasien. Sie müssen also sicherstellen, dass erstens keine Macht in der Region so sehr wächst, dass sie sich von der Hegemonie der USA lösen kann, und dass sich zweitens kein Bündnis entgegen der amerikanischen Interessen entwickelt. Im Wesentlichen geht es hierbei um die Eindämmung Deutschlands und die Neutralisierung Russlands. Ersteres soll unter anderem durch gute Verhältnisse zu den Nachbarländern, die Unterordnung in der NATO und die Aufrechterhaltung von Militärstützpunkten in Deutschland selbst gelingen. Zweiteres wurde in den letzten Jahren durch eine aktive Erweiterung der NATO bis an die Grenzen Russlands und die Anbindung der Ukraine an diese vorangetrieben.

    Welche Rolle spielt die Ukraine?

    Die Ukraine spielt im Kontext der Geostrategien der imperialistischen Mächte, darunter vor allem Deutschland, Russland und den USA, eine größtenteils geographische Rolle. Beinahe das gesamte Staatsgebiet der Ukraine befindet sich in der vorher erwähnten osteuropäischen Ebene. Ähnlich wie Russland besitzt sie also, bis auf die Karpaten im Westen und die Krim-Halbinsel im Süden, kaum natürliche Grenzen und bildet damit faktisch ein Durchmarschgebiet zwischen Mitteleuropa und Russland.

    Für den deutschen Imperialismus ist diese geografische Eigenschaft von wesentlicher Bedeutung, wenn er expandieren möchte. Sie verspricht freien Zugang zu Osteuropa, dem Balkan und dem Kaukasus – alles wichtige Etappen für den Aufstieg Deutschlands zur Eurasischen Vormacht. Für den russischen Imperialismus seinerseits ist die Kontrolle der Ukraine ebenfalls von entscheidender Bedeutung, da sie umgekehrt mehr natürliche Grenzen bietet und somit einen Puffer zwischen dem russischen Kernland und der NATO bildet. Darüber hinaus bietet das Gebiet der Ukraine Russland Warmwasserhäfen und den Zugang zum Asowschen Meer – und sichert damit dessen überlebenswichtigen Fluss- und Kanalhandelsrouten. Zudem ist die Ukraine einer der größten Produzenten von Weizen und Gerste, ein attraktives Plus für jede Wirtschaft mit hegemonialen Träumen, vor allem in Zeiten von umweltbedingten Nahrungskrisen.

    Und schließlich ist die Ukraine für die USA strategisch wertvoll, um genau die beiden genannten Bestrebungen zu verhindern. Selbst wenn die USA im Stellvertreterkrieg mit Russland siegen sollte, kann sie aus geostrategischer Sicht keineswegs zulassen, dass Deutschland im „Wiederaufbau“ der Ukraine zu viel an Einfluss gewinnt.

    Im Fazit zeigt sich also ein komplexes und widersprüchliches Bild der Beziehungen zwischen den verschiedenen mehr oder weniger mächtigen kapitalistischen Ländern. Jedoch alle sind sie bestrebt, ihre Macht auszuweiten – und das geht eben nicht anders, als durch Kriegsvorbereitungen.

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